Die Zunge kann viel erzählen - Die Zunge als diagnostisches
Hilfsmittel
Geschichte:
Schon bei den alten chinesischen, arabischen und griechischen Ärzten
wurden die Veränderungen auf der Zungenoberfläche als diagnostische
Möglichkeit genutzt. Allerdings muss heute berücksichtigt werden,
dass zwischen den damaligen und den heutigen Lebens- und Essgewohnheiten
der Menschen und Völker gravierende Unterschiede bestehen, die es
nicht gestatten, die alten Darstellungen (Bilder, Graphiken usw.) über
die Zunge ohne weiteres zu übernehmen. Es mussten hier also neue
Wege im Zuge der veränderten Verhältnisse beschritten werden.
Einführung:
Je mehr ein Arzt oder Heilpraktiker allein aus den äußeren
Erscheinungsbild eines Patienten ersehen kann, desto schneller und präziser
kann er weitere Methoden zur Befunderhebung heranzuziehen.
Mit der Zungendiagnostik sind nicht nur Arzt und Heilpraktiker, sondern
bis zu einem gewissen Maße auch der geübte Laie in der Lage,
sich sehr schnell einen sicheren Überblick über den Gesamtzustand
des Verdauungstraktes zu verschaffen. (Früher hat jede Mutter, jeder
Hausarzt sich die Zungen zeigen lassen).
"Die Zunge wird als Schaufenster des Verdauungstraktes bezeichnet"
Die Zunge gibt ähnlich wie die Antlitzdiagnose, erste therapeutische
Hinweise. In Folge lassen sich natürlich während der Therapie
Veränderungen in positiver wie negativer Form erkennen. Diese wiederum
helfen beim weiteren Verlauf der Behandlung. Die Innervation der Zunge
und die Verfolgung ihrer Bahnen zu den Ganglionen und ihren cerebralen
Ursprungsgebieten (Gehirn) sowie der Einfluss der vegetativen Antagonisten
(Gegenspieler) Vagus und Symphatikus, erlauben eine organtopographische
Auffassung, wie im Bild dargestellt. Die verschiedenen Farbzeichnungen
und der manchmal typische Belag an und auf er Zungenoberfläche sowie
spezielle Geschmacksempfindungen und Gefühlsreize in und auf der
Zunge zeigen z.B. den Mangel an anorganischen Salzen im Körper und
in seinem Säftehaushalt auf.
Mit Hilfe des Zungenbildes ist eine Diagnose über den Zustand bestimmter,
an der Verdauungsarbeit beteiligter Organe, des Blutes, der Nerven, der
Lebens- oder Körperkraft, ja sogar eine Belastungsaussage zu rechten
oder linken Körperhälfte. Jahrelange Beobachtungen und Studien
führen zu der Annahme, dass Verlauf und Lage des Nervensystems eines
Organs nahezu immer gleich ist und das jedes Organ sein spezifisches Nervensystem
besitzt. Nur auf der Basis dieser Annahme (Hypothese) ist die Zungendiagnostik
überhaupt möglich.
Büchertipp:
Zungendiagnose
in der chinesischen Medizin
Die Deutung der Zungenbilder
Durch Betrachten des Zungenbelages erfahren wir wertvolle Hinweise auf
den Zustand bestimmter Organe (Organdiagnose).
Aus der Topographie erkennen wir, dass hier Magen, Bauspeicheldrüse,
Zwölffingerdarm, Leber, Gallenblase, Dünndarm und Dickdarm gemeint
sind. Die Zunge mit ihren vielen Blutgefäßen und mit den reichlich,
besonders an der Spitze vorhandenen Lymphgefäßen wird von vielen
Bündeln von Nervenfasern durchzogen.
Das samtartige Aussehen der Zungenoberfläche verdanken wir den Knospen,
Ausstülpungen und Spüldrüsen. Die Abflachung dieser Papillen
z.B. gilt als Zeichen für eine perniziöse Anämie (Blutarmut).
Die Zunge sieht wie behaart aus, ein Krankheitsbild, das man häufiger
bei "Antibiotikaschäden" und bestimmten Formen von "Vitaminmangel"
findet. Die Erfahrung lehrt, dass die Zungenspitze Veränderungen
im Magenbereich anzeigt, das mittlere Drittel vor allem über den
Zustand von Zwölffingerdarm, Leber, Gallenblase, Milz und Bauspeicheldrüse
Aufschluss gibt, während die Zungenbasis, (hintere Teile) auf eventuelle
Darmerkrankungen schließen lässt. Bei der Behandlung der genannten
Organe verschwinden diese Zeichen allmählich auf der Zunge. Das kann
sehr lange dauern, vorübergehend infolge der Ausscheidungsphasen
sogar zu Verschlechterungen am Zungenbild führen.
1. Magen
Ein weißer bis weißgelblicher Belag an der Spitze der Zunge
weist auf eine Magenschleimhautentzündung (Gastritis) hin, das Magengeschwür
(Ulcus ventriculi) zeigt keinen Belag. Eine geschwollene Zunge mit Zahneindrücken
an den Rändern und einem dicken grauen Belag an der Zungespitze deutet
auf einen akuten Prozeß hin (akute Gastritis).
Blase und feuchte Zunge ist ein Zeichen bei Magenblutungen und Magenerkrankungen
allgemein, meist bestehen aber vorher Belag und Trockenheit. Belag an
der Spitze und hellrote Ränder weisen auf Störungen in der Säurebildung
hin.
Eine trockene Zunge, weißschleimig belegt, mit Petechien (punktförmige
Blutungen aus den Kapillaren) und Bläschen deutet auf eine Dystonie
des Vagus mit heftiger Gastritis und Enteritis (Dünndarm-Entzündung)
hin.
Büchertipp:
Praxis
der chinesischen Zungendiagnose
2. Darm
a) Zwölffingerdarm
Finden wir den weißlichen Belag in der Mitte der Zunge, so sollte
man an krankhafte Prozesse im Zwölffingerdarm denken.
b) Dünn
und Dickdarm
Weißer Belag im hinteren Drittel oder eine trockene Zunge, in der
Mitte braun belegt, die Ränder feucht und rot, weist auf entzündliche
Veränderungen im Dünn- und Dickdarm hin. Bei Bläschenbildung
sind diese Vorgänge besonders ausgeprägt.
Bei trockener Zunge, die Basis wie mit Lehm belegt, oder bei geschwollenen
Zungerändern mit Bläschenbildung kann auf geschwürartige
Veränderungen (Prozesse) im Darm geschlossen werden.
Eine trockene Zunge mit einem roten Streifen in der Mitte spricht für
eine schwere Darmentzündung und für Krämpfe (Spasmen).
Ein trockenes Gefühl auf der Zunge, obwohl sie feucht ist, tritt
besondern bei schlechter Durchblutung der Baueingeweide auf.
3. Leber, Galle und Milz
a. Leber
Bei Leberentzündungen und zirrhotischen Prozessen der Leber tritt
ein gelber Belag auf, der ergänzt durch Zahneindrücke und roten
Rand, auf Leber- und Gallenleiden mit Ikterus (Gelbsucht) hinweist, besonders
auf Erkrankungen des Leberparenchyms (-zellgewebe).
Zeigt die Zunge das Bild einer Landkarte, ist immer eine Beteiligung der
Leber gegeben.
b. Gallenblase
Geht der Farbton vom Gelblichen ins Bräunliche über, ist vermutlich
auch die Galle und auch das Portadersystem in Mitleidenschaft gezogen.
Oft ist auch dann eine rechtsseitige Schwellung mit Rötung zu beobachten.
c. Milz
Ohne Angaben.
4. Bauchspeicheldrüse (Pankreas)
Zeigt sich links eine starke Rötung und ist die Zunge an dieser
Stelle wund, dann liegt wahrscheinlich eine Bauchspeicheldrüsenentzündung
vor.
Eine trockene Zunge mit vielen Rhagaden ( Hautrissen, Hautschrunden)
weist auf Diabetes (Zuckerkrankheit) und Bauchspeicheldrüsenstauung
hin.
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5. Infektionskrankheiten
Auch bei schweren Infektionskrankheiten verändert sich das Aussehen
der Zunge.
a.Typhus
Eine trockene, dunkelbraune bis schwärzliche Zunge spricht für
Typhus und Toxine (Zellgifte) im Darm.
Blauer Zungenbelag besteht bei Typhus und Ruhr.
b. Scharlach
Hier tritt die bekannte Himbeer- oder Erdbeerfarbe der Zunge auf.
c. Cholera
Die schwarze Zunge weist auf Cholera hin.
Büchertipp:
Krankheit
und Zungen
6. Sonstiges
Weitere Zungenbilder zeigen sich bei Missbildungen der Zunge selbst, bei
schweren Blutkrankheiten, Vitaminmangelzuständen, Arzneimittelschäden,
Störungen des vegetativen Nervensystems.
a. Deformation (Anomalie)
Es gibt Rückbildungen an der Zunge, die es dem Betroffenen unmöglich
macht, die Zunge gerade herausstrecken.
b. Anämie
Bei allgemeiner Anämie erscheint ein trockenes Gefühl auf der
Zunge, obwohl sie feucht ist.
Typisch für die pernizöse Anämie ist die Abflachung der
Ausstülpungen und der Verlust der sogenannten Sekundärpapillen
(kleine Ausstülpenungen).
c. Polyzythämie
Bei diesem Krankheitsbild tritt eine krankhafte Vermehrung der roten Blutkörperchen
(Erythrozyten) auf. Das Zungenbild erscheint mittig mit seitlichen Verzweigungen
(Verästelungen) gefurchtet, ähnlich einer Vernarbung nach tiefen
Verletzungen im Muskelgewebe.
d. Vitaminmangel
Beim Fehlen z.B. Vitamin B2 zeigt die Zungenoberfläche einen fast
gleichmäßigen weißlichen Belag, durch den die bläulich-violette
Zungenfärbung hindurchscheint.
Bei Verdauungsstörungen mit der Folge einer dadurch bedingten Mangelernährung,
Fettstühlen und gelegentliche Blutarmut ist die Zunge ebenfalls weißlich,
im hinteren Drittel (Basis) gelblich belegt. Dieser Belag ist jedoch im
Gegensatz zum Erscheinungsbild bei Vitamin B2- Mangel nicht gleichmäßig
aufgetragen, sondern erscheint wie aufgesprungen. Außerdem ist -
im vorderen Drittel stärker, im mittleren Drittel schwächer-
eine mittelgroße Bläschenbildung zu beobachten.
e. Iatrogene Schäden
Unter dem Einfluss einer Antibiotikatherapie kann sich die Zunge entzünden
und entwickelt einen weiß-pelzigen, unregelmäßigen Belag,
ähnlich einer Wolkenbildung.
Durch Acethylsalicilsäure-Präparate können sich Schäden
an der Zungenspitze in Form einer weißen Pigmentierung (Leukoplakie)
zeigen.
f. Dystonie
Siehe unter Magen.
g. Fieber
Unter dem Einfluss von fiebrigen Zuständen des Organismus ist die
Zungenoberfläche meist trocken.
h. Trinker (Säuferzunge)
Bei Alkoholikern bzw. notorischen Trinkern kann man eine leicht zitternde
Zunge beobachten.
i. Lingua (Zunge) dissecata
Die Zunge zeigt als angeborene Anomalie zahlreiche Einrisse und Zerklüftungen.
j. Lingua georaphica (Landkartenzunge)
Siehe Ziffer 3a (Leber-Galle-Milz)
i. Lingua lobata (Lappenzunge)
Unter dem Begriff "Lappenzunge" gekannte Zunge, deren Oberfläche
narbige Furchen aufweist (siehe auch c), die viereckigen Felder mit abgerundeten
Ecken umgeben. Hier handelt es sich oft um das Endstadium einer Glossitis
bei Spätsyphilis.
m. Lingua nigra (schwarze Haarzunge)
Dieses Zungenbild ist auch bekannt unter dem Namen "schwarze Haarzunge",
es zeigt gelblich - braune bis dunkle Verfärbungen der Papillen,
meist in der Mittellinie. Die Ursache war lange unbekannt, heute werden
Arzneimittelschäden (Antibiotika) und Vitaminmangel für dieses
Erscheinungsbild verantwortlich gemacht.
(s. auch Einleitung zu Ziffer 3)
n. Lingua plicata (Faltenzunge)
Es handelt sich um eine angeborene Furchung der Zungenoberfläche.
Büchertipp:
Taschenatlas
Zungendiagnose
.
C. Nachwort
Die Zungendiagnostik bezieht viele Symptome in ihre Schlussfolgerungen
mit ein. Dennoch will sie nur als eine Hinweisdiagnostik verstanden sein,
die den gezielten Einsatz anderer Methoden zur Befunderhebung ermöglichen
soll.
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