| Was der Beckenboden leistet
Der Beckenboden hat zwei Hauptaufgaben: Er ist ein tragender Boden für
die inneren Organe und ein Durchgang für die Harnröhre, die
Sexualorgane, den Enddarm und natürlich bei der Geburt für das
Baby. Ein guter Boden ist stark und undurchlässig, ein Durchgang
ist offen. Die Aufgaben des Beckenbodens enthalten Gegensätze, die
nur mithilfe von genügend Elastizität und Anpassungsfähigkeit
im Gewebe gelöst werden können. Ohne geistige Anpassungsfähigkeit
aber hat es der Körper schwer, mitzuhalten, denn Gedanken sind eine
Non-stop-Instruktion an den Körper, deshalb begleiten wir die Übungen
mit viel Imagination, die für den nötigen Ausgleich sorgt. Der
Beckenboden hat auch andere Verpflichtungen: Er ist ein Gegenspieler wichtiger
Atemmuskeln und wirkt bei der Atmungskoordination mit. Der Beckenboden
spielt bei der koordinierten Auslösung von fast jeder Bewegung, für
das Gleichgewicht und für eine gute Körperhaltung eine entscheidende
Rolle. Viele Rücken-, Knie- und Fußprobleme könnten durch
ein bewusstes Training des Beckenbodens kuriert werden.
Die Mehrheit der Bevölkerung hat irgendwann im Leben ein Rückenleiden.
Eine gute Kenntnis der Beckenbodenfunktion könnte einen großen
Teil dieser Probleme mildern oder gänzlich lösen. Der Beckenboden
ist wichtig für die Körperzentrierung, für das Gefühl
des Getragenseins, für den Dialog mit der Schwerkraft, für die
Wahrnehmung des Bodens.
Nach fernöstlicher Tradition befindet sich hier das genannte Wurzelchakra,
das Muladhara. Dieses Chakra ist das unterste von sieben (oder mehr) Energiezentren,
die den Körper in aufsteigender Reihe durchlaufen und unser spirituelles
Potenzial darstellen. Die Enrgie des Wurzelchakra beeinflusst neben dem
Beckenboden auch die Beine und Füße – in diesem Punkt
stimmt auch die Lehre der Biomechanik zu. In östlichen Traditionen
(Yoga, Tantra etc.) geht es unter anderem um die Umwandlung der Beckenboden-Energie
von einer rein körperlich orientierten zu einem Fundament des spirituellen
Aufbaus. Im übertragenen Sinne ist das Muladhara „unsere Wurzeln“,
die Erde, auf der wir stehen, sagt der renommierte Psychologe C. G. Jung
(Commentary on Kundalini Yoga, 1932).
Ein elastisch kraftvoller Beckenboden spielt auch für die Sexualorgane
eine wichtige Rolle, denn der freie Fluss ihrer Energie hat wesentliche
Auswirkungen auf unser Wohlbefinden und die Vitalität und auch darauf,
wie wir den Alltag anpacken.
Der Hauptunterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Becken
ist durch die Körperöffnungen gegeben: Männer haben davon
zwei, Frauen drei, denn bei ihnen kommt neben Harnröhre und After
noch die Vagina hinzu. In diesem Sinne (bitte keine Drohbriefe) ist der
männliche Beckenboden evolutionär gesehen primitiver aufgebaut
als der weibliche. Dafür hat er im Allgemeinen mehr Kraft. Der weibliche
Beckenboden ist aus Geburtsgründen elastischer, der männliche
neigt wegen Trainingsmangel und Sitzüberfluss eher zu Unbeweglichkeit.
Deshalb ist das Übungsprogramm in gewissem Masse schon vorgegeben:
mehr Beweglichkeit für den Mann, Kraftaufbau für die Frau.
Evolution des Beckenbodens
Der Beckenboden ist in der Evolutionsgeschichte ein junges Ereignis.
Erst der aufrechte Gang machte diese Einrichtung notwendig, denn beim
Vierbeiner ist der Boden des Körpers die Bauchwand und die Vorderseite
des Brustkorbs. Um zu verstehen, wie der Beckenboden zustande kam, visualisieren
wir im Super-Zeitraffertempo die menschliche Entwicklung in die Aufrechte.
Der Mensch und auch der Affe sind im Prinzip ein Vierbeiner, deren Beine
horizontal nach hinten ausgestreckt werden, dann aber um 90 Grad gedreht
wurden. Auf einmal ruhte das Gewicht der inneren Organe nun nicht mehr
auf der Bauchwand, sondern im Becken. Damit unser Gedärm nicht schmählich
zu Boden fiel, musste jetzt der Schwanz, welches bis dahin eher nach hinten
zeigte, eilig verkürzt nach vorne gezogen werden, um den neuen Boden
abzuschließen. Darüber hinaus wurden die Muskeln, die ursprünglich
den Schwanz bewegten, verstärkt und das Bindegewebe dicker gemacht
Auf das Steißbein werde ich später noch ausführlicher
zu sprechen kommen, zunächst aber wollen wir uns von der Bedeutung
von Bewegung und Imagination beim Trianing des Beckenbodens bewusst werden.
Auszüge aus dem Buch:
Eric Franklin: Beckenboden Power
Das dynamische Training für sie und ihn
ISBN: 3-466-34458-1
2. Auflage 2003
Kösel Verlag
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